Die EU will Kinder im Netz besser schützen – und hat dabei die Games-Branche kalt erwischt. Der „EU Kids Act“ wurde am 17. September 2026 vorgestellt, und im Entwurf taucht das Wort „game“ an über 100 Stellen auf. Wir haben nachgelesen, was wirklich drinsteht: für Free-to-Play-Titel, für MMOs und für die Retro-Szene.
Wichtig vorab: Das ist ein Entwurf, kein Gesetz. Parlament und Mitgliedstaaten müssen ihm noch zustimmen, und bis dahin kann sich vieles ändern. „EU Kids Act“ steht übrigens für „EU Keeping Internet Digital Spaces Accountable and Trustworthy“.
EU Kids Act: Was gilt für Online-Spiele?
Die Definition ist bewusst breit. Als „Online-Spiel“ zählt jedes Videospiel auf PC, Konsole oder Mobilgerät – lokal installiert oder im Browser, gratis, gekauft oder Free-to-Play mit In-App-Käufen. Nur Titel, die ausschließlich physisch und ohne jede Online-Funktion erscheinen, fallen raus. Free-to-Play-Spiele und MMOs sind also direkt gemeint, nicht nur am Rande.
Für Anbieter von Online-Spielen steht in Artikel 15 des Entwurfs:
- kein Design, das zwanghaftes oder exzessives Spielen von Minderjährigen fördert. Verboten sind Mechaniken, die Abbruch erschweren. Ebenso tabu: Belohnungen für tägliches Einloggen und Nachteile fürs Aussetzen.
- sichere Standardeinstellungen für Minderjährige ab Werk: hohe Privatsphäre, Schutz vor ungewolltem Kontakt mit Fremden
- Werkzeuge für Eltern, etwa Zeitlimits; Kindern unter 13 Jahren ist der Zugang nur über die Konten der Erziehungsberechtigten möglich
- Spiele dürfen Minderjährige nicht zu Kontakten auf anderen Diensten hinziehen – etwa per Links zu externen Chats
Dazu kommt eine grundsätzliche Umkehr: Alle Schutz-Einstellungen gelten zunächst für jeden. Wer sie abgeschaltet haben will, muss nachweisen, dass er erwachsen ist. Diese Nachweispflicht liegt künftig bei euch, nicht beim Anbieter.
Altersprüfung: Geburtsdatum angeben reicht nicht mehr
Das ist der wichtigste Punkt des gesamten Entwurfs. Künftig soll gelten: Geburtsdatum eintippen reicht nicht mehr (Verordnungsentwurf, Artikel 3). Stattdessen setzt die Kommission auf ein EU-weites System zur Altersprüfung. App-Stores müssten eine offizielle EU-Lösung unterstützen.
Was das für euch bedeutet, hängt vom weiteren Verfahren ab. Denkbar ist, dass Erwachsene künftig bei Online-Funktionen ihren Ausweis zeigen müssen, etwa über eID oder Altersnachweis-Apps, bevor sie unbeschnittene Chats nutzen können. Datenschutz-Experten warnen vor einem Überwachungs-Einfallstor. Jugend- und Verbraucherschützer begrüßen den Kurs.
Was bedeutet das für Free-to-Play und MMOs?
Große Free-to-Play-Titel und MMOs setzen heute auf Mechaniken, die im Entwurf auf dem Prüfstand stehen. Tägliche Login-Belohnungen, Battle-Pässe mit Verfall, FOMO-Deadlines für Events, Roulette-artige Belohnungssysteme: Der Entwurf nennt genau diese Mechaniken als Beispiele für Design, das exzessiven Konsum anstachelt. Für Minderjährige wären sie tabu. Und weil die Einstellungen für alle gelten, bis jemand nachweist, dass er erwachsen ist, trifft das alle Spieler.
Wie Spiele Geld verdienen, steht im Games-Kapitel erstaunlich wenig. Die oft zitierte Pflicht, bei Käufen mit Spielwährung den Echtgeld-Wert in Euro anzuzeigen, gilt im Entwurf nur für soziale Netzwerke und Videoplattformen. Bei Spielen soll sie später über Branchen-Regelwerke kommen, die es noch gar nicht gibt. Manche Fachpresse hat das so berichtet, als stünde es fix für Games. Das tut es nicht.
Private Server und die Retro-Szene
Die schärfste Kritik kommt von Stop Killing Games. Initiator Ross Scott nennt den Entwurf „drakonisch“ und warnt, er sei „eine Bombe, die die ganze Videospiel-Industrie implodieren lassen könnte“ (Massively Overpowered, 2. Oktober). Seine Sorge: Wer einen privaten Server für ein abgeschaltetes Spiel betreibt, könnte als „Anbieter“ gelten und müsste dann dieselben Schutz- und Alterspflichten erfüllen wie ein Konzern. Für Fan-Projekte, die alte MMOs am Leben halten, wäre das das Aus. Scott räumt selbst ein, dass der Text mehrdeutig ist und selbst Anwälte zu unterschiedlichen Einschätzungen kamen.
Für Retro-Fans ist das kein Randthema. Die Geschichte von Meridian 59 zeigt, wie wichtig private Server sind, wenn Publisher ihre Server abstellen. Und die alten MMORPG-Klassiker leben genau davon. Ob Community-Server tatsächlich erfasst wären, entscheidet sich erst im Verfahren.
Wer sagt was dazu?
Die Fronten sind abgesteckt. Epic-Chef Tim Sweeney warnt, das Gesetz wäre „schrecklich für die nächste Generation der Menschheit“ – Fortnite Creative und Roblox seien Kreativwerkzeuge, keine Risikodienste. Der Branchenverband Video Games Europe fordert, die Alterskennzeichen PEGI und USK als Standard zu verankern, statt jedes Spiel und jeden Spieler flächendeckend altersverifizieren zu wollen. Medienanwalt Andreas Lober hingegen liest den Entwurf so, dass die Regeln für alle in der EU angebotenen Online-Games gelten würden – „signifikante Einschränkungen“.
Und die Bußgelder? Auch hier wird zu schnell verallgemeinert. Die oft zitierte Obergrenze von 6 Prozent Weltumsatz gilt im Entwurf für KI-Begleiter und Chatbots. Für Spiele gelten dagegen die Kontrollen des Digital Services Act, und die Strafen legen die EU-Länder erst noch einzeln fest.
Was passiert jetzt?
Der Entwurf liegt jetzt beim EU-Parlament und den Mitgliedstaaten. Die Verhandlungen können Monate dauern – oder Jahre. In Deutschland arbeitet Familienministerin Karin Prien an einem nationalen Übergangsvorschlag, den sie im Oktober vorlegen will.
Für Spieler heißt das: Nichts ist beschlossen. Aber der Druck Richtung Altersprüfung und gegen suchtfördernde Mechaniken ist real, und die Branche reitet ihre Positionen schon jetzt fest. Wird daraus Gesetz, aktualisieren wir diesen Artikel.
Stand: 4. Oktober 2026. Grundlage ist der Verordnungsentwurf COM(2026) 681 final vom 17. September 2026; das Gesetzgebungsverfahren läuft.


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